
Kreation war lange ein Handwerk. Wer gestalten wollte, musste Werkzeuge beherrschen: Ebenen, Masken, Filter, Shortcuts. Kreative Qualität entstand durch Erfahrung mit Software, durch tausende Klicks, präzise Handgriffe und ein tiefes Verständnis für technische Möglichkeiten und Grenzen. Doch mit generativer KI verschiebt sich dieser Prozess grundlegend. Nicht schrittweise, sondern sprunghaft. Nicht vom Werkzeug zur Idee, sondern von der Idee zum Ergebnis.
Vom Machen zum Denken
KI verändert nicht nur, wie wir gestalten, sondern auch, wo der kreative Prozess beginnt. Während klassische Kreativarbeit oft mit der Frage startete: „Wie setze ich das technisch um?“, beginnt sie heute mit einer anderen Überlegung: „Wie beschreibe ich, was entstehen soll?“
Ein präziser Prompt kann innerhalb von Sekunden das leisten, wofür früher Stunden nötig waren. Varianten entstehen nicht mehr durch mühsames Nachjustieren, sondern durch sprachliche Feinjustierung. Ein zusätzlicher Satz, ein veränderter Kontext, eine andere Perspektive und das Ergebnis nimmt eine neue Richtung.
Das Zentrum der Kreation verlagert sich damit vom Ausführen zum Beschreiben.
Sprache wird zur Schnittstelle
Was früher die Benutzeroberfläche von Photoshop war, ist heute Sprache. Sie ist die neue kreative Oberfläche.
Dabei geht es nicht um möglichst lange oder komplexe Prompts, sondern um Präzision und Vorstellungskraft. Um die Fähigkeit, abstrakte Ideen so zu formulieren, dass Maschinen daraus etwas Konkretes ableiten können. Damit wird Prompting zu mehr als einem Bedienprinzip. Es ist eine Form von Übersetzungsarbeit.
Wer eine Markenidee in ein Bild, ein Key-Visual oder eine Kampagnenwelt übersetzen will, muss Entscheidungen sprachlich fassen können: Stimmung, Stil, Kontext, Perspektive, Details. Je besser diese Entscheidungen benannt sind, desto weniger entsteht Zufall und desto mehr entsteht Gestaltung.
Der Wert verschiebt sich
Diese Entwicklung verändert auch die ökonomische Logik kreativer Arbeit. Der größte Wert liegt nicht mehr im handwerklichen Ausführen, sondern im gedanklichen Vorlauf: in der Idee, der Perspektive, der Einordnung. In der Fähigkeit, Relevanz herzustellen und Richtung zu geben.
Das bedeutet nicht, dass Designkompetenz verschwindet. Im Gegenteil: Sie bleibt zentral, weil sie Qualität beurteilt, Konsistenz sichert und Ergebnisse in markentaugliche Systeme überführt. Aber sie wird ergänzt und teilweise überholt durch eine neue Kernkompetenz: sprachliche Präzision als kreatives Steuerungsinstrument.
Kreativität wird damit weniger durch Werkzeuge definiert und stärker durch Schärfe im Denken.
Prompting ist kein Tool, sondern eine Denkweise
Wer Prompting nur als neue Bedienungsanleitung versteht, greift zu kurz. Es ist keine Technik, die man einmal lernt und dann beherrscht. Prompting ist eine Denkhaltung. Es zwingt dazu, sich über Intentionen bewusst zu werden. Über Zielbilder. Über Wirkung. Es macht sichtbar, wie unscharf viele Ideen sind, und belohnt diejenigen, die sie in eine eindeutige Richtung bringen können.
Gleichzeitig entsteht eine neue Realität im Teamalltag: Wenn Inhalte in Sekunden generiert werden, wird nicht Output zum Engpass, sondern Passung. Nicht die Menge entscheidet, sondern Markenfit, Wiedererkennbarkeit und Aussage. Genau hier wird Prompting relevant, weil es den Raum zwischen Idee und Ergebnis kontrollierbar macht.
Von der Variante zur Marke
Ein häufiges Missverständnis ist, dass KI automatisch gute Kreation liefert. In Wahrheit liefert sie vor allem Möglichkeiten. Ohne Leitplanken entsteht schnell Beliebigkeit. Und Beliebigkeit skaliert in einer KI-Welt besonders schnell. Wer KI kreativ nutzt, braucht deshalb mehr als gute Prompts. Er braucht verbindliche Standards: Was gehört zur Bildwelt – und was nicht? Welche Motive funktionieren für die Marke? Welche Tonalität soll transportiert werden? Welche wiederkehrenden Elemente schaffen Wiedererkennbarkeit, auch wenn hundert Varianten entstehen könnten?
So wird Sprache nicht nur zur Schnittstelle zur Maschine, sondern zur Schnittstelle innerhalb des Unternehmens: zwischen Strategie, Kreation und Marketing. Zwischen dem, was eine Marke sein will, und dem, was Menschen am Ende sehen.
Warum Sprache zur kreativen Kernkompetenz werden kann
Vielleicht wird Kreativität in Zukunft weniger an Tools gemessen und mehr an Sprache. An der Fähigkeit, Gedanken so zu strukturieren, dass aus ihnen etwas entsteht, das vorher nicht existierte. Nicht jeder, der prompten kann, ist kreativ. Aber jede kreative Person wird lernen müssen, Ideen in eine Form zu bringen, die Maschinen verstehen und die Marken tragen können. Denn je leichter Produktion wird, desto wichtiger wird Orientierung.
Die entscheidende Frage ist daher nicht, welches Tool wir nutzen.
Sondern: Wie präzise können wir denken – und wie gut können wir das beschreiben?

Ihr habt Fragen? Kontaktiert mich gerne über das Kontaktformular
Praxischeck: Checkliste für wirksames Prompting im Marketingkontext
Die nachfolgende Checkliste hilft, Prompting aus der Improvisation zu holen und Ergebnisse reproduzierbar zu machen. Sie sorgt dafür, dass nicht nur ein gutes Bild entsteht, sondern ein Bild, das zur Marke passt und im passenden Kontext funktioniert. Gerade wenn Teams schnell viele Varianten erzeugen können, braucht es ein gemeinsames Raster, das Entscheidungen vereinfacht und Qualität absichert.
1. Ziel und Einsatzkontext festlegen
Definiere vor dem Prompt, wofür das Asset gedacht ist: Awareness, Erklärung, Conversion, Recruiting oder Event. Notiere außerdem Kanal, Format und geplante Platzierung, denn ein LinkedIn-Visual folgt anderen Regeln als ein Header für eine Landingpage oder ein Creative für Paid Social.
2. Markenrahmen übersetzen
Halte die zentralen Merkmale der Bildwelt in wenigen Sätzen fest: Ton, Stil, Emotionalität, Materialität, Bildsprache. Ergänze No-Gos wie unpassende Symbolik, bestimmte Klischees, Farben, Bildmotive oder Stilrichtungen, die nicht zur Marke passen, damit keine Varianten entstehen, die sich zwar gut anfühlen, aber die Marke verwässern.
3. Kernidee in eine sichtbare Szene verwandeln
Formuliere nicht nur das Thema, sondern eine konkrete Szene: Wer oder was ist zu sehen, in welcher Umgebung, mit welcher Handlung oder Spannung? Gute Prompts beschreiben keine abstrakte Botschaft, sondern eine visuelle Situation, die diese Botschaft transportiert.
4. Komposition und Blickführung bestimmen
Lege fest, wie das Motiv aufgebaut sein soll: Perspektive, Brennweitenanmutung, Bildausschnitt, Vordergrund und Hintergrund, Fokuspunkt und Negativraum für Text. Damit steuerst du, ob ein Motiv nach Editorial, Produkt, Tech, Lifestyle oder Illustration wirkt – und ob es später in Layouts funktioniert.
5. Stil, Licht und Stimmung präzisieren
Beschreibe, welche Atmosphäre entstehen soll: hell und optimistisch, ruhig und seriös, kontrastreich und kantig, minimalistisch oder detailreich. Ergänze Lichtlogik, Farbwelt und Oberflächen, weil genau diese Parameter darüber entscheiden, ob Ergebnisse nach Stock-Look oder nach Markenwelt wirken.
6. Details und Ausschlüsse aktiv steuern
Definiere, was unbedingt enthalten sein muss – und was ausdrücklich nicht vorkommen darf. Typische Ausschlüsse sind verzerrte Hände, falsche Schriftzüge, generische Logos, übertriebene Effekte, ungewollte Stereotype oder unpassende Requisiten. Diese Ebene reduziert Zufall und erhöht die Trefferquote deutlich.
7. Varianten strategisch planen statt zufällig erzeugen
Lege zwei bis drei Achsen fest, entlang derer du Varianten erzeugst, zum Beispiel Zielgruppe, Nutzenargument, Tonalität oder Setting. So entsteht ein kontrollierbarer Variantenraum, der Tests ermöglicht, statt eine unübersichtliche Sammlung von Zufallsergebnissen.
8. Bewertungskriterien vorab definieren
Bestimme, woran ihr intern Qualität erkennt: Markenfit, Wiedererkennbarkeit, Lesbarkeit im Feed, emotionaler Impact, Eignung für Copy und Layout, Anschlussfähigkeit an Kampagnenmotive. Damit wird die Auswahl weniger geschmacksgetrieben und stärker nachvollziehbar – auch im Team.
9. Prompts dokumentieren und als Library aufbauen
Speichere funktionierende Prompts inklusive Ergebnisbeispielen und Kontext, etwa Plattform, Ziel, Variante und Learnings. So entsteht ein wiederverwendbares System, das neue Assets beschleunigt, Qualität stabilisiert und Prompting vom Experiment zur Methode macht.




